dhs
Label-Nostalgia
doebbeheimseite
|
Wie also ließe sich das Profil der ECM-Produktionen beschreiben? Etwa so: Auskosten der leisen Töne, Ausdehnung des dynamischen Spektrums nach unten, ("The most beautiful sound next to silence"); Sensibilität in der Phrasierung. Bevorzugung von Wohlklang gegenüber Expressivität; Priorität der Tonalität gegenüber atonalen Weiterungen; Bewußtmachung musikalischer Strukturen; Kontrapunktik, Ensemblespiel Gleichberechtigter anstatt Studiohilfsdiensten für geltungsbedürftige Solisten; Umgehung traditioneller Kategorien, trotz größter Nähe zum Jazz auch hohe Verwandtschaft zur Avantgarde und gelegentlich zur Rockmusik; Rehabilitierung der sogenannten akustischen Instrumente gegenüber ihren elektrisch verstärkten Nachfolgern; Loslösung vom Primat der nordamerikanischen Tradition zugunsten europäischer und lateinamerikanischer, klassischer und folkloristischer Elemente. Diese erste Annäherung an das ECM-Profil ist gewiß nicht ausreichend und ist auch nur ein statistischer Wert: Nicht jede der hier genannten Eigentümlichkeiten wird auf jeder einzelnen ECM-Platte anzutreffen sein. Zudem ist ECM im Augenblick im Begriff, in neue Richtungen vorzustoßen: einmal mit Steve Reichs "Music For 18 Musicians", die man wohl üblicherweise der Avantgarde und somit unbegreiflicherweise der E-Musik zugerechnet hätte, zweitens mit dem neuerdings unter Vertrag genommenen Art Ensemble Of Chicago, dessen anarchisch witzige. mit Rockelementen durchsetzte Musik das bisherige Profil von ECM sprengt. Programm Das Image, das ECM bislang auf baute, ist eng mit einer Reihe von Namen verbunden, die seit einiger Zeit zur Spitzengruppe aller Umfragen gehören. Man denkt natürlich als erstes an Keith Jarrett, aber es ist unfair den anderen Musikern gegenüber und zudem sachlich unrichtig, wenn man ECM zum Jarrett-Label verkürzt. Noch ehe Jarrett der große Durchbruch gelang, erregte ECM mit den Soloimprovisationen Chick Coreas Aufsehen. Corea ist mittlerweile einen anderen Weg gegangen, hat sich ein Forum gesucht, das seiner neueren Musik adäquater war; aber daß er nun, da er sich wieder stärker dem Konzertklavier zugewandt hat, zu ECM zurückkehrt, ist ein Beleg dafür, wie exakt Musiker die spezifischen Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Manfred Eicher in einer vergleichsweise kleinen Firma erkennen. Gewiß ebenso bedeutend wie Jarrett und für das Profil von ECM charakteristisch sind Ralph Towner und John Abercrombie, Terje Rypdal und Jan Garbarek, Steve Kuhn und Richard Beirach, Eberhard Weber und Dave Holland, Jack DeJohnette und Barre Phillips, Kenny Wheeier und Enrico Rava, Gary Burton und Dave Liebman, Pat Metheny und Egberto Gismonti. Zu den ersten Produktionen von ECM gehörte eine Platte mit Paul Bley, und es ist gewiß kein Zufall, daß ECM für Deutschland den Vertrieb des außergewöhnlichen Watt-Labels übernahm, auf dem vor allem Carla Bley den Ton angibt. In diesem Porträt einer Plattenfirma wird mit Absicht darauf verzichtet, einzelne Titel zu besprechen. Ein großer Teil wurde im Schallplattenteil dieser Zeitschrift [HiFi-Stereophonie] bereits rezensiert. Hier geht es vielmehr darum, unter Vernachlässigung von Einzelzügen und daher notwendigerweise etwas pauschal ein Programm in seiner Gesamtheit zu kennzeichnen. |
Manfred Eicher
|
last updated 2003-03-11
This page is part of doebbe.com and may not be copied or used, even parts of it
like pictures etc., without explicit permission!